Burk and Hare

Der kaum fassbare Erfolg der Ausstellung "Körperwelten" des "Professor von Hagen" ist der ewigen Neugierde des Menschen auf die inneren Vorgänge des eigenen Körpers zu verdanken. Wer weiß schon, wie seine Leber aussieht, welche Schäden der Krebs, z. B. durch Rauchen verursacht, in einem Menschen anrichten kann oder wie lange der eigene Darm ist? Nun wird es nicht mehr nur dem Medizinstudenten zugänglich sondern auch dem Laien.

Im frühen 18. Jahrhundert sah das noch ganz anders aus - nur reiche Männer oder deren Söhne erhielten die Möglichkeit anatomische Studien zu besuchen. Anders als in den meisten Studiengängen, in denen die Studenten einfach mit weniger Platz vorlieb nehmen mussten, war das in den medizinischen Vorlesungen nicht möglich da ja jeder Student eine gute Sicht auf den zu sezierenden Körper haben musste.

So stieg die Anzahl der benötigten Körper stark an um die Zahl der zahlungskräftigen Neugierigen durch eine erhöhte Anzahl an Vorlesungen zu befriedigen. Da Sektionen aber z. B. in Großbritannien seit der Zeit Heinrichs VIII. aus ethischen Gründen nur an den Körpern von hingerichteten Verbrechern gestattet waren, wurde dieser Bedarf bald zum Engpass. Zuerst waren es Medizinstudenten, die des Nächtens auf Leichenraub gingen - aber wie immer, wenn es Geld zu verdienen gibt, machte sich eine neue Spezies von Ganoven auf, um das Gesetz zu brechen, und professionelle Banden übernahmen bald die Beschaffung.

Wie der Autor Hugh Douglas beschrieb, blühte das Handwerk des Grabschänders. Besonders rühmte er deren Leistungsfähigkeit: die Arbeiter konnten zwischen zwei Patrouillen von Nachtwächtern eine Ruhestätte öffnen, den Körper rauben und das Grab wieder herrichten. Die Leichendiebe stahlen aber immer nur nackte Körper; das Leichenhemd verblieb im Sarg. Das Gesetz sah den Diebstahl des Hemdes als schweren Diebstahl, das des Körpers jedoch nur als geringes Vergehen an. Zwar wussten oder ahnten die Professoren und Doktoren von der Herkunft der Leichen, hatten aber angesichts der enormen Summen, die die willigen Studenten aus gutem Haus zu berappen hatten, nichts gegen diese Art der Beschaffung.

Zwei findige Männer entwickelten eine ganz eigene Methode den Bedarf zu stillen. Die beiden irischstämmigen William Burke und William Hare lieferten im Akkord frische sterbliche Überreste an die Edinburgher Hochschulen.

Burke war ein 36-jähriger Mann aus einer kleinen irischen Gemeinde; nach einer siebenjährigen Armeezugehörigkeit ließ er seine Frau und zwei Kinder in Irland zurück um nach Schottland zu gehen. Dort arbeitete er zuerst am Union Canal, dann für einen Weber, als Bäcker und lernte das Schustern. Er lernte Helen McDougal, die sich von ihrem Mann getrennt hatte, kennen und floh mit ihr nach Edinburgh. Die beiden Kinder von McDougal ließen sie in Leith zurück.

William Hare kam ebenfalls aus Irland nach Schottland um dort bis zur Fertigstellung am Union Canal zu arbeiten. Er zog danach ebenfalls nach Edinburgh und mietete sich bei einem Ehepaar ein. Als der Vermieter, der ebenfalls gebürtiger Ire war, starb, begann er bald eine Beziehung mit der Witwe und lebte mit ihr in einer eheähnlichen Beziehung zusammen. Er wurde in einem Artikel der Zeitschrift Blackwoods als brutaler und degenerierter Mann mit dem Aussehen eines Idioten und dem Blick eines Reptils beschrieben.

Kennen lernten sich die beiden als Burke mit seiner Freundin McDougal bei Hare und dessen Fastfrau zur Untermiete einzog. Zwar wurden sie nie richtige Freunde aber durch ihren Hang zu Hochprozentigem und dem Wunsch Geld zu machen und reich zu werden waren sie doch verbunden.

Ein weiterer Mieter, ein armer Alter Mann, der Donald genannt wurde, erkrankte und starb im November 1827. Hare war vom Tode nicht halb so bestürzt wie von der Tatsache, dass Donald mit £4 im Mietrückstand war. Burke brachte seinen Vermieter auf die Idee den Körper aus dem Sarg zu nehmen und ihn durch ein etwa gleich schweres Gewicht zu ersetzen. Dann versteckten sie die Leiche bis der Sarg von den städtischen Beamten abgeholt wurde und wandten sich an den Professor Robert Knox, dessen Assistenten den Körper in der folgenden Nacht annahmen und nach einer kurzen Ansicht ein wenig mehr als £7 zahlten.

Dieses leicht verdiente Geld brachte die beiden Männer auf ihre Idee. Sie stellten - ohne jegliche medizinische Kenntnisse zu haben - fest, dass ein weiterer Mieter, Joseph the Miller, der sich einige Tage später nicht gut fühlte, ernsthaft krank war und deshalb umgehend von seinen Schmerzen erlöst werden müsse. Sie zeigten große Sorge und flößten dem Kränkelnden Whisky ein bis er bewusstlos wurde und hielten ihm dann Mund und Nase zu bis er erstickt war. Und da keine Male an dem Toten zurück blieben, wurde auch bei den zuständigen Behörden kein Verdacht auf Mord geweckt.

Zu Hares und Burkes Bedauern wurden die anderen Mieter nicht krank und längere Zeit gab es somit keine Einnahmen. So entscheiden die beiden sich dazu auch außerhalb des Hauses nach Material für Dr. Knox zu suchen. Im Februar 1828 lernte Hare die ältere Abigail Simpson kennen, die in Edinburgh ihre Pensionszahlung abholte. Er lud sie zum Essen zu sich nach Hause ein und gab ihr dort zusammen mit Burke sehr viel Whisky ein. Als sie trunken wurde und einschlief waren auch Burke und Hase so betrunken, dass auch sie bald daraufhin einnickten. Am nächsten Morgen hatte Abigail zwar einen Kater aber einen Whisky mehr lehnte sie nicht ab. Nach einigen weiteren Drinks schlief sie wieder ein und die beiden Mörder konnten endlich ihr Handwerk vollbringen. Den toten Körper brachten sie abends in die Universität wo Professor Knox persönlich den Toten begutachtete und von der Frische begeistert gleich £10 auszahlen ließ.

Das Geld sparten die beiden nicht sondern investierten es fast vollständig in Alkohol. Dadurch gerieten sie bald wieder in Geldknappheit und mussten nach neuen Opfern suchen und nachdem ein englischer Mieter der Hares krank wurde, hatten sie wieder jemanden, den sie aus seinem "Leid" erlösen konnten. In den folgenden Monaten folgten neben alten Frauen vor allem Prostituierte und Landstreicher.

Kritisch wurde es am 9. April 1828 als Peggy Paterson, eine 18-jährige Prostituierte in die Fänge der Mörder und Leichenhändler fiel - die junge Frau war auf der Suche nach Ihrer Mutter Mary, die Tags zuvor mit Hare gesehen wurde und die ebenfalls bereits 10 £ eingebracht hatte. Während der Sektion unter Dr. Knox erkannten mehrere der Studenten die junge Frau (vermutlich hatten sie deren Dienste schon in Anspruch genommen) und Knox fragte die beiden Lieferanten in der Folge nach der Herkunft deren Leichen - aber mit hartnäckigen Versicherungen konnten sie den Professor besänftigen.

Kritisch wurde es auch als Burke eine betrunkene Pennerin, der er vorher mächtig billigen Schnaps eingeflößt hatte, auf den Armen nach Hause trug und zwei Polizisten ihn aufhielten und die Frau mit zur Wache zum Ausschlafen nehmen wollten. Der Mörder überzeugte aber auch sie davon, dass er sie kennen und in ihr Zuhause bringen würde; und so strichen er und Hares auch an diesem Abend £10 ein.

Das Ende der mörderischen Karriere begann an Halloween 1828 als Burke sich mit  Mary Docherty traf und ihr weismachte ein Verwandter von ihr zu sein. Sie folgte ihm in seine Wohnung und bekam ein Zimmer. Am Abend, nachdem viel getrunken und getanzt worden war, hörten Nachbarn, die Grays - ebenfalls Untermieter von Hare, Schreie, Gekreische und Rufe wie "Murder" - sie brachen auf um einen Polizisten zu suchen kehrten aber nach einiger Zeit des erfolglosen Suchens zurück und entschieden, nachdem im Nachbarzimmer nun alles ruhig war, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Am nächsten Morgen fragten sie bei Burkes Freundin Helen nach der fremden Frau - sie erzählte, dass diese sich an "ihren" Mann rangemacht hätte und sie ihr deshalb die Tür gewiesen hätte. In Wirklichkeit lag der Körper von Mary aber in Stroh gehüllt unter dem Bett.

Während des folgenden Tages schrie Hare Ann Gray mehrmals an sie solle verschwinden, als sie in die Nähe des Gästezimmers kam. Daraufhin wurde sie misstrauisch und wartete einen Moment der Unaufmerksamkeit ab. Sie entdeckte die Leiche und zusammen mit ihrem Mann konfrontierten sie Helen mit dieser Tatsache. Helen wurde panisch und bot den beiden £10 für ihr Schweigen - die Grays schlugen aus und verließen das Haus um einen Polizisten zu holen.

William Hare und Helen McDouglas wurden verhaftet und zur Einzelbefragung getrennt. Auf einen anonymen Tipp hin fand man bei Dr. Knox auch die Leiche von Mary Docherty, die später von James Gray identifiziert wurde. Auch Burke wurde verhaftet.

Nach einem Monat des erfolglosen Rätselratens in der Polizeistation und der sich laufend ändernden Aussagen der drei Häftlinge machte die Polizei Hare das Angebot gegen Aussage wider die Burkes Immunität und Freiheit zu erhalten. Die Verhandlung begann am Weihnachtsmorgen 1828 mit den Hares und einigen Bekannten der Hares und Burkes als Zeugen, die aussagten mehrere der Opfer mit Burke gesehen zu haben.

Burke wurde innerhalb von 50 Minuten zum Tode durch den Strang verurteilt, Helen wurde freigesprochen. Nach seiner Verurteilung begann er im Gefängnis die Geschichten der 16 Morde detailliert aufzuschreiben und fertigte zwei fast identische Ausgaben, auch wenn die Reihenfolge der Tötungen unterschiedlich notiert war.

Doch vermutlich ereilte Burke das gnädigste Schicksal der vier Verbrecher. Weder Helen noch Margaret (die Berichten zufolge nach Australien und Irland auswanderten) bekamen eine zweite Chance und wurden überall, wo sie hinkamen nur mit Ächtung und Spott überzogen; sie starben in Armut. William Hare wurde im Februar 1928 freigelassen und starb laut populären Meinungen als blinder Bettler und fand seine letzte Ruhestätte in einem der Massengräber Londons. Jedoch ist keiner dieser Berichte amtlich dokumentiert und als Hares letzter Aufenthaltsort ist die englische Stadt Carlisle bekannt.

In England gibt es zu Burke und Hare einen Kinderreim; ähnliches kenne ich auch über den deutschen Serienmörder Harmann:

Up the close and doun the stair,
But and ben wi' Burke and Hare.
Burke's the butcher, Hare's the thief,
Knox the boy that buys the Beef.