Dieter Zurwehme

Was kann man über einen Menschen schreiben, den man nicht kennt, und dessen Vitae sich einem nur aus Büchern und Pressemitteilungen erschließt? Kann man über einen Menschen urteilen, ohne die Fakten unverfälscht zugetragen bekommen zu haben? Die zweite Frage kann man wohl eindeutig mit NEIN beantworten.
Aber darf man sich empören über eine Polizei, die versucht ihre Arbeit zu machen und der dabei Fehler unterlaufen? Hier würde man wohl wieder mit NEIN antworten; und so sollte es auch sein - auch wenn die Fehler wie im Fall Dieter Zurwehme fatal sind.

Es folgt eine der spektakulärsten und von den Medien hartnäckigste recherchierten Fluchten der deutschen Geschichte:  

Dieter Zurwehme wurde am 2. Juli 1942 außerehelich geboren und vier Wochen später zur Adoption freigegeben. Die Zieheltern waren strenge Erzieher - sein Vater, der von Beruf Zugführer war, schlief häufig tagsüber und Freunde durften den einzigen Ziehsohn deshalb nicht zuhause besuchen. Dieter schwänzte oft die Schule und kam in ein Erziehungsheim. Mit 12 Jahren versuchte er, ohne strafmündig zu sein, das erste mal eine 15-jährige auszurauben. Wegen Diebstahls und Unterschlagung verurteilte man ihn 4 Jahre später zu einer Jugendstrafe von "unbestimmter Dauer" - mindestens 6, höchstens 30 Monate. Nach der Haftentlassung ging Zurwehme aus dem kleinen ostwestfälischen Ort Ottbergen (bei Höxter) ins französische Metz und bewarb sich bei der Fremdenlegion; um genommen zu werden hatte er seine Papiere gefälscht und sich fünf Jahre älter gemacht - doch der Schwindel flog auf und er wurde nach Hause geschickt.

1972 überfiele DZ ein Immobilienbüro in Düren, um dort an Geld zu gelangen. Als die Sekretärin zu schreien begann, tötete er sie mit fünf Messerstichen in den Hals. Für diesen Mord und zwei Vergewaltigungen im März 1974 verurteilte der Gerichtsvorsitzende Herbert Schartmann den 32jährigen wegen einem "hohen Maß an Niederträchtigkeit und Gefühlsroheit" zu lebenslanger Haft.

Durch sein tadelloses und strebsames Verhalten im Gefängnis erhielt DZ seit Januar 1988 regelmäßig Hafturlaub. Ein Jahr darauf wurde der monatlich freie Tag auf 21 Freigänge pro Jahr angehoben. Laut dem Psychiatrie-Professor Paul Besser (+) bestünde mit "an Sicherheit grenzender Warscheinlichkeit" keine Sorge vor einem Missbrauch dieser Lockerungen. Auch regelmäßigem Besuch des Bruders Severin aus Kloster Maria Laach stand Zurwehme offen gegenüber. Der Pater beschrieb DZ als wissbegierigen, belesenen und intelligenten Mann - Zurwehme lernte in der Strafvollzugsanstalt Rheinbach Latein und Französisch, übte geschäftlichen Schriftverkehr und Maschineschreiben; in seinen Freigängen nutzte er die Zeit häufig für kulturelle Fahrten: er besichtiget zum Beispiel in Detmold das Hermannsdenkmal oder den Paderborner Dom.

166. Freigang / 2. Dezember 1998 - DZ flüchtet aus dem offenen Vollzug der Haftanstalt Bielefeld, nachdem er inzwischen als Koch in einem Bielefelder Restaurant arbeitet; laut den Untersuchungsberichten handelte es sich hierbei um eine "Kurzschlusshandlung" nach einem Streit mit dem Wirt. DZ kommt fast einen Monat später in Bochum an; dort versteckt er sich längere Zeit. Als er am Morgen des 21. März 1999 in einem leerstehenden und im Umbau befindlichen Villa übernachtet, überrascht ihn der 71jährige Besitzer aus Remagen und droht die Polizei zu rufen. DZ überwältigt ihn, fesselt und knebelt den älteren Herrn und tötet ihn durch Messerstiche in den Hals.

Als die 59jährige Ehefrau des Besitzers auf dessen Handy anruft, begibt sich Zurwehme zu ihr in die Wohnung, in der laut Anklage kurz danach auch der 67jährige Bruder und dessen 60jährige Ehefrau eintrafen. Er bedrohte sie mit einer Schreckschusspistole und als man ihm mit der Polizei drohte, verletzte er die Gefesselten mit Messerstichen in Hals und Oberkörper tödlich. Vermutlich hat er außerdem ca. 8.000 DM (4.000 EUR) aus der Wohnung geraubt.

Da der Verdacht aufgrund der Ähnlichkeit des Mordes im Jahr 1972 rasch auf Zurwehme fällt, flieht er nach Lindau am Bodensee und hält sich dort um den 10.April auf. Zwischen 19. und 26.April ist DZ in Löberitz (Sachsen-Anhalt) und am folgenden Tag in Dessau. Zwischenstation am 4. Mai in Frankfurt am Main, DZ versetzt einen Feldstecher in einem Pfandhaus. Dann flüchtet er nach Müllheim b. Freiburg im Breisgau. Als die Ermittler ihn am 11.Mai im Allgäu wähnen befindet er sich wieder in Lindau und verliert dort sein Portemonnaie samt Ausweispapieren. Am gleichen Abend rückten die Zielfahnder an und stellten Zurwehme mit einem 25-köpfigen Kripo-Trupp nach. Tags darauf borgte Zurwehme sich einen Schlüssel für die Toilette einer Schrebergartenanlage. Zur verabredeten Rückgabe des Schlüssels am nächsten Morgen um 10 Uhr kam der Gesuchte nicht ­ die Polizei lag vergeblich auf der Lauer. Trotz Hinweisen aus der Bevölkerung (oder wegen ihnen?) in einer Zahl die zuletzt bei der Suche nach den Attentätern der RAF eingegangen waren, kam man ihm nur nahe; er war immer einen Schritt entfernt.

Die Ermittler verlieren erneut die Spur, als am 22. Mai in einem südfranzösischen Landhaus die Leichen von vier niederländischen Urlaubern gefunden werden, die ähnliche Verletzungen aufwiesen, wie die von DZ getöteten Menschen. Fälschliche Aussagen von zwei Bankangestellten identifizierten Zurwehme, doch am 24. Juni 99 wird ein einheimischer Bauarbeiter festgenommen und die Spur von DZ wird von den Fahndern der deutschen Polizei in Brandenburg wieder aufgenommen. Am 26. Juni hält sich Zurwehme jedoch in Cuxhaven auf. Offenbar hält sich DZ die gesamte Zeit über mit Gelegenheitsjobs über Wasser.

Am 28. Juni 99 passiert der eingangs erwähnte fatale Fehler - Zivilfahnder erschießen im thüringischen Heldrungen den 62-jährigen Urlauber Friedhelm K. aus Köln; eine Kellnerin hatte nach einer Fernsehsendung die Ermittler alarmiert, und die Beamten hatten den Mann ebenfalls verwechselt und das Feuer eröffnet.

Und schon zwei Tage später wird im mehrere hundert Kilometer entfernten Dresden ein stadtbekannter Straßenmaler vorübergehend festgenommen, da man auch ihn für Zurwehme gehalten hatte. Inzwischen entzog sich Zurwehme immer wieder der Festsetzung - er entkommt aus umstellten und von Hubschraubern überflogenen Maisfeldern und ganzen Hundertschaften der Polizei.

Am 21. Juli versucht er in der Nähe von Stadthagen (bei Hannover) eine 16jährige zu vergewaltigen. Sie kann sich ihm entziehen und meldet den Vorfall bei der Polizei. DZ flieht weiter und bringt am 10. August in der Nähe von Cuxhaven ein 19jähriges Mädchen in seine Gewalt; die Fahnder kommen endlich auf seine Spur.

Am 19. August 1999 konnten zwei Beamte der Polizei Greifswald Dieter Zurwehme ohne Gegenwehr nach dem Hinweis eines aufmerksamen Bürgers festnehmen. Kurz nach seiner Festnahme gestand er den am 15.August verübten schweren Raub an einem 37jährigen Kleingärtner in Waren bei Neubrandenburg, den er in seiner Laube geknebelt und gefesselt zurück gelassen hatte und mit dessen Auto er nach Neubrandenburg gefahren war.

In seiner Verhandlung erkannte der Vorsitzende des Landgerichts Koblenz, Richter Mille, die "besonders schwere Schuld" der Morde des Herrn Zurwehme an und verurteilten ihn wegen vierfachen Mordes, Vergewaltigung und schweren Raubs sowie der Freiheitsberaubung für schuldig und ordnete Sicherheitsverwahrung an. Der Richter beschrieb Zurwehme als "Intensivstraftäter mit niedriger Hemmschwelle für Gewalttaten." mit einem Verhaltensmuster, dem er seit seiner Kindheit folge; er nehme keine Rücksicht auf seine Opfer wenn es ihm um die Befriedigung seiner Bedürfnisse gehe. Zum Schluss der Urteilsbegründung sagt Mille, wenn Zurwehme darüber nachdenke, sei er "vielleicht selbst froh, nicht mehr frei zu kommen."

Nachdem Zurwehme auf ein Schlusswort verzichtete, erklärte sein Verteidiger Küter: sein Mandant sei weder gefühlskalt noch emotionslos, fürchte aber neue Missverständnisse. Eine Mitschuld an DZs negativer Entwicklung wies der Anwalt den Vollzugsbehörden zu, die den Häftling nach seinem ersten Mord nicht bereut sondern lediglich verwahrt und somit eine Möglichkeit auf Re-Integrierung zunichte gemacht hätten.

Tja, bleib noch Platz für ein Schlusswort von uns? Wohl kaum.